Professor Dr. Guido Ritter ist Oecotrophologe, bekannt durch Veröffentlichungen zum Thema „Insekten als Nahrung“ und der Experte für Heimatgeschmack. Er forscht zur Identitätsstiftung regionaler Speisen und Getränke am Institut für Nachhaltige Ernährung an der Fachhochschule Münster. Der Professor vertritt die These: „Heimat geht durch den Magen“, denn, so sein Statement: „Regionalität ist nicht nur nachhaltig, sondern auch Ausdruck der regionalen Identifikation.“

Der Professor ist bei uns im Interview und hat spannende Impulse für Regionalmarketing über die Kulinarik und wir sind dankbar seine Expertise im folgenden Interview teilen zu können.

 

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Herr Professor Dr. Ritter, vor kurzem habe ich gelesen, „Regional ist das neue Bio“. Dieser Trend ist allerorten spürbar. Regionalmarken entstehen. Die Verbraucher legen mehr Wert auf Regionalität. Auf vielen Speisekarten finden sich immer mehr Gerichte mit regionalen Zutaten. Ein lobenswerter Trend. Wie können kleine Städte und Gemeinden diesen Trend vor allem im Marketing nutzen?

DR. RITTER: Kleine Städte und Gemeinden können diesen Trend vor allem im Marketing nutzen, wenn sie es erfahrbar machen, d.h. Informationen von Unternehmen, Handwerksbetrieben, Orten zu sammeln und zusammenzuführen, an denen man die regionale Kulinaristik auch erleben kann. Zudem können sie mit den Gastronomen sprechen, um gemeinsam eine Informationsbroschüre herauszugeben, die Zeiten und Orte, an denen man diese erfahrbar macht, informativ erkennbar macht und zum anderen entsprechende Veranstaltungsformen anbietet, zum Beispiel Wochenmärkte/Märkte, auf denen man sich treffen kann und wo gemeinsame Kommunikation stattfinden kann. Das wird dann auch die Leute ansprechen, die sich für regionale Produkte begeistern. Das zweite, was ich auch als Trend sehe, ist das Thema Verpackung: Hier ist vor allem im Ernährungsbereich einiges zu verbessern. Gerade die regionale Versorgung macht es möglich, Verpackung auch zu reduzieren. Wenn Produkte lange Wege gehen, müssen diese auch entsprechend deutlich sicherer verpackt werden. Auf kurzen Wegen kann man, wenn man z.B. die eigene Box mitbringt, sozusagen wieder die Milchkanne in die Hand nehmen und beim Bauern um die Ecke wieder seine eigene Milch holen. Verpackung ist ein klares Argument für regionale Versorgung.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Sie sprechen von kulinarischer Erlebbarkeit. Haben Sie Beispiele, an denen sich unsere Leser, überwiegend kleine Städte und Gemeinden orientieren und inspirieren lassen können?

DR.RITTER: Hier müssen tatsächlich die Akteure zusammengeführt werden, das ist auch Aufgabe der politischen Gemeinde. Sie müssen Gastronomen und Handwerksbetriebe stärken und schauen, was das Besondere daran ist, was in der Region oder in dem Ort produziert wird. Man muss auch deutlich machen, wie sich die Gastronomen und Handwerksbetriebe für den Ort und die Vereine stark machen! Häufig ist es ja so, dass diese Betriebe vor allem bei Festen die Vereine unterstützen. Es muss noch deutlicher klar gemacht werden, dass es auch eine soziale Komponente gibt, die regionale Unternehmungen für das Vereinsleben und für die sozialen Gegebenheiten einbringen. Man kann auch gemeinsam eine regionale Speisekarte entwickeln. Wir haben da ein Projekt für das Münsterland mit dem Namen „So schmeckt das Münsterland“ gemacht, bei dem wir Kriterien herausgearbeitet haben, die besonders für das Münsterland und auch für regional und nachhaltig stehen.

Regional und nachhaltig sind zwei Begriffe, die unmittelbar miteinander zusammenhängen und die auch mit diesen kurzen Wegen sehr gut kommuniziert werden können. Menschen müssen regional erleben können. Die Produkte müssen probierbar sein. D.h. es ist eine gute Idee, den Marktplatz wieder zu beleben und im Sommer mit allen Akteuren eine Veranstaltung zu machen oder auch Betriebe zu unterstützen, die in diesem Bereich aktiv sind. Viele bieten

Handwerkskurse an. Andere Betriebe bieten an, Wurst wieder mal selber zu machen - das ist momentan ein großer Trend! Hier können Handwerksbetriebe punkten.

Wenn Gemeinden und Städte das unterstützen, solche Initiativen fördern, dann kann auch wieder Leben in die Gemeinde kommen, was die kulinarische Besonderheit angeht.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Unsere Wahrnehmung ist es, dass sich immer mehr traditionelle Produzenten von Lebensmitteln darauf besinnen, ihre Produkte stärker regional zu vermarkten. Kleine Unternehmen entstehen, die oftmals im Manufakturbetrieb regionale Produkte verarbeiten. Gerade im ländlichen Raum beobachten wir aber auch, dass jede Manufaktur, jede Lokal-Brauerei um Kunden kämpft und im kräftezehrenden Alleingang versucht, die Produkte an den Mann/die Frau zu bringen. Oftmals stehen Liebe und Leidenschaft in der Produktentwicklung im Vordergrund vor allen Marketingaktivitäten. Auch die Vernetzung der Produzenten untereinander ist häufig noch nicht so effektiv. Vielfach klagen die Endkonsumenten darüber, dass sie zu wenig Zeit haben, auf dem Land, das Gemüse von jenem Hof, den Käse vom anderen und die Marmelade von einer Manufaktur zu besorgen. Es kostet einfach im Alltag zu viel Zeit, von Hofladen zu Hofladen zu fahren. Haben Sie Ideen, wie diese Produzenten gestärkt werden können? Wie können Produzenten und Endkonsumenten zusammengebracht werden? Welche Beispiele gibt es für solche Initiativen?

DR.RITTER: Beispiele hier sind wieder der Markt und runde Tische! Beides kann man in der Gemeinde zusammenbringen. Das sind Tische, an denen nicht nur der Landwirt und der Fleischer zusammensitzen, sondern tatsächlich auch Verbraucher. In großen Städten gibt es Ernährungsräte. Diese arbeiten daran, ein Stück weit mehr die Hoheit über die Versorgung zu bekommen, um kürzere Wege, auch direkte Wege zu haben. Der Verbraucher ist häufig sehr daran interessiert, in den Austausch mit den Produzenten in der Region zu kommen. Wege gibt es viele: So kann man z.B. auf entsprechende Lieferdienste zurückgreifen oder Anlaufstellen schaffen, an denen die so genannten „Grünen Kisten“ mit den Produkten hinterlegt sind. So hat man in der Gemeinde eine Anlaufstelle und nicht jeder einzelne Verbraucher muss alle Hofläden abklappern. Da kann die Gemeinde gut mithelfen und man bringt wunderbar den Verbraucher und den Produzenten wieder zusammen. Die Landfrauen können da eine gute Hilfe sein. Auch Schulen sind als Ort des Austausches denkbar, beispielsweise kann Ernährung in den Schulen durch die lokalen Produzenten vor Ort unterstützt werden. Das sind alles Ideen und Vorschläge, wie Gemeinden ihre Ernährungsversorgung wieder so organisieren können, dass die Verbraucher und die Produzenten wieder besser zusammenkommen.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Was halten Sie von Regionalmarken?

DR.RITTER: Es gibt mittlerweile hunderte von Regionalmarken in Deutschland und es ist klar, dass man versucht über Marken deutlich zu machen, wie die Qualität und das Vertrauen zu den Produkten zu finden ist. Ich halte es für wichtig, dass es für den Verbraucher eine Möglichkeit gibt, sich zu orientieren. Diese Marken müssen aber dann auch tatsächlich Vertrauen aufbauen können. Bei den Marken muss also die Qualität sicher gestellt werden. Dass die Produkte aus der Region kommen, sagt noch nichts über die Qualität des Geschmacks aus. Deshalb sollten auf alle Fälle auch hier einige Grundkriterien hinterlegt sein. Es ist absurd, Schnitzel aus der Massentierhaltung jetzt als besonders regional in einer Marke vermarkten zu wollen, wo Verbraucher eigentlich eine ganz andere Vorstellung von Qualität haben. Deshalb muss man tatsächlich auch hier die Akteure zusammenbringen, um einer solchen

Regionalmarke auch die entsprechenden Kriterien zu hinterlegen, damit Vertrauen geschaffen werden kann. Das Internet und die sozialen Medien entlarven so etwas besonders schnell. Wir haben einen solchen Prozess für das Münsterland mit begleitet. Es ist kein einfacher Prozess, eine Marke zu etablieren! Wenn es gelingt, dann lohnt es sich! Schon die Diskussion und der Austausch über Qualität und die Möglichkeiten bringen alleine schon wieder die Gemeinde und die Region voran. Also, ein klares Ja für Regionalmarken, aber nur dann, wenn sie auch wirklich auf vertrauenswürdigen Kriterien basieren.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Vielen Dank, Herr Prof. Dr. Ritter. Eine letzte Frage: Was ist aktuell Ihr Forschungsprojekt, woran arbeiten Sie gerade? Welche Publikationen und/oder weitergehende Informationen gibt es für Interessenten an dem Thema – und wie kann man Sie erreichen?

DR.RITTER: Zurzeit arbeiten wir sehr stark an Projekten zur Außerhausverpflegung. Wir sehen, dass die Außerhausverpflegung noch deutlich zunehmen wird. Dies ist ein großer Hebel ist, um Qualität und Wertschätzung in die Ernährung einer Kommune auch wieder hineinzubekommen. Hier arbeiten wir ganz konkret mit Versorgern zusammen, um Kriterien für eine nachhaltige Außerhausverpflegung festzulegen. Wir arbeiten an Konzepten für Betriebskantinen, um die Kommunikation und den Mittagstisch wieder zu verbessern.

Gerade abgeschlossen haben wir das Projekt „Friedensteller“. Hier haben wir nachhaltige Rezepte für den Kirchentag in Münster entwickelt, die dann von jedem Gastronomen als Friedensteller übernommen werden können. Unter https://friedensteller.de kann man sich dieses Projekt anschauen oder auf unserer Seite des Instituts für nachhaltige Ernährung der Fachhochschule Münster https://www.fh-muenster.de/isun/index.php befinden sich die Projekte, mit denen wir uns gerade beschäftigen.

Vielen Dank!

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