“Das Glasfaserkabel wird manchen öden Landstrich verändern”

Ich freue mich so sehr, dass ich heute Michael Seelig im Interview auf Wieduwilt Kommunikation habe. Michael Seelig bezeichnet sich selbst auf der Website www.wendland-hautnah.de als „Hausmeister“ des Werkhofes Kukate Nr. 2 – einem Werkhof, dessen Team seit 1976 Kurse im Bereich Handwerk, Kunst und Fortbildung für Handwerker anbietet. Er ist damit Teil einer Bewegung, die das Wendland heute zu einer Modellregion für die Entwicklung des ländlichen Raumes gemacht hat. Was mit dem Protest gegen das Endlager Gorleben begann, ist heute eine natürliche, kulturelle Heimat für viele Freunde des Wendlandes geworden. Seit fast 30 Jahren gibt es die Kulturelle Landpartie, die bewusst von unten eine Gegenbewegung im einst vergessenen Landstrich etabliert hat und die heute Paradebeispiel für eine ökologisch orientierte Kultur des 21. Jahrhunderts ist.

Wir freuen uns, mit Herrn Michael Seelig einen Mann der ersten Stunde der Kulturellen Landpartie und noch viel mehr als Vorreiter für digitales Arbeiten auf dem Land hier bei uns im Wieduwilt Kommunikation-Interview zu haben und bedanken uns dafür.

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WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Herr Seelig, das Wendland hat es geschafft, aus der Außenwahrnehmung als reiner Protestort von Atomkraftgegnern zu einer Marke für ökologisch bewusstes Landleben zu werden. Das Wendland hat aber auch eine besondere Geschichte. Ist das Beispiel des Wendlandes auf andere ländliche Regionen, die unbemerkt von der Öffentlichkeit laufen, übertragbar? Können Regionen, wie die Prignitz, die Märkische Schweiz oder die Niederlausitz übertragen werden?

MICHAEL SEELIG: Das Wendland an der mittleren Elbe, zwischen Schnackenburg und Neu Darchau ist ein Naturparadies, Vogeldurchzugsland und Flora Fauna Habitat Distrikt. Heute ist es Teil des UNESCO Biosphärenreservats, mehr als 50 % der Fläche stehen unter einem Schutzstatus, 90% aller auf der Roten Liste stehenden Tier- und Pflanzenarten findet man im Wendland. Ca 30% der landwirtschaftlichen Fläche werden ökologisch angebaut, mehr als 100% der hier verbrauchten elektrischen Energie wird aus regenerativen Quellen erzeugt.

Das ist heute.

In dieses Naturparadies wollte der Ministerpräsident Albrecht 1977 das Nuceare - Entsorgungszentrum (NEZ) bauen lassen, den größten Industriekomplex Mitteleuropas, so die Idee von Industrie und Politik. Daraus wurde nichts. Geblieben sind uns das Castorlager und die Endlagerbaustelle, in der zwischenzeitlich 3,6 Milliarden verbuddelt wurden.    

Die Bedrohung durch die komplette Umwandlung des Wendlandes vom Naturpark zum Entsorgungspark, setzte Kräfte frei, destruktive und kreative Kräfte und die Einsicht kam schnell, dass ein toter Indianer ein schlechter Indianer ist. Der Spruch: „Ein Lächeln wird euch besiegen!“ hat sich durchgesetzt. Auch macht es mehr Spaß, dem Teufel auf der Nase zu tanzen, als im Gewahrsam zu sitzen. Bei den unzähligen Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt kam es immer aufs eigene Überleben und die Medienhoheit an. Wer schafft die überzeugenden Bilder? Eine Demonstration ist ja keine Chaosveranstaltung, eher eine Performance, gemeinsam mit Künstlern wurden Inhalte und Ablauf geplant, die Schilder, Transparente, Kostüme, Aktionen erdacht und als großes Theater gestaltet. Auch in jedem Bauern steckt ein Künstler, wenn er gefordert ist.

Von Anbeginn war allen klar, dass es nicht reicht, dagegen zu sein, sondern Alternativen in allen Lebensbereichen zu entwickeln, nicht nur im Energiebereich.

Die Modellregion Wendland ist eine Idee der frühen 80.Jahre. Das Hüttendorf 1004 mit der Freien Republik Wendland hat nicht nur den Staatsschutz geweckt, sondern auch viele alternative Entwicklungen und soziale Experimente angestoßen. Ein erstes Windrad stand auf der Waldbrandfläche, erste Solaranlagen haben Warmwasser bereitet.

Neben dem Wendenpaß gab es auch die alternative Volkshochschule Rondel. Für die studierten Jungbauern (und nicht nur für die), war klar, dass sie nicht am Vormittag mit der Giftspritze über den Acker fahren und am Nachmittag zur Demo laufen können. Die Wendland Cooperative kochte mit Bio-Lebensmitteln im Gasthaus Meuchefitz und von da an wurde dort im Raum nicht mehr geraucht.

Unser persönlicher Beitrag als Alternative zur Nachindustriealisierung war 1985 der „Pfingstmarkt Kukate - Handwerk und Kunst“, zu dem ca. 50 Kunsthandwerker auf den Werkhof Kukate eingeladen wurden. Der Markt war von der ersten Stunde an ein Erfolg, die 3000- 4000 PKWs in der Feldmark rund um Kukate allerdings ein Problem.

Mit Freunden zusammen haben wird dann die Idee der „Wunde.r.punkte Wendland“ ausgeheckt und 1990 ins Leben gerufen. Die wunderbaren und die wunden Punkte des Wendlandes wollten wir sichtbar machen und haben zum Radfahren durch die Region eingeladen. „Kommt her schaut uns an, wir sind die Chaoten!“

Unser Ziel war es, auf die Besonderheiten des Wendlandes aufmerksam zu machen und zu zeigen, was hier zerstört werden sollte. Die Wunde.r.punkte wandelten sich 1995 zur Kulturellen Landpartie und diese Kulturveranstaltung, die nach wie vor basisdemokratisch, ausschließlich auf privatem Gelände und ohne jegliche öffentliche Förderung organisiert wird, wird in diesem Jahr 30.

Das aktuelle Endlager-Such-Gesetz geht von einer weißen Landkarte aus, die allerdings diesen schwarzen Fleck Gorleben hat. Sobald eine Region in den Fokus dieses Such-Gesetzes gerät, wird sich das Beispiel Wendland 1:1 auf die Endlager-Such-Region übertragen. Der Hambacher Forst zeigt, Gorleben lebt.

Braucht es immer einen gemeinsamen Feind von außen, damit die Menschen einer Region zusammenstehen und ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen? Ich denke: Nein.

Die Konferenz der Akteure der Neulandgewinner hat mir gezeigt, dass überall Alternativen entstehen, durch die Beiträge einer eigenständigen Regionalentwicklung angeschoben und die endogenen Potenziale einer Region befördert werden. Die Zukunftsorte Brandenburgs, die Lokalhelden, das rollende FabLAB in der Lausitz, überall sehe ich Beispiele, die einfach Mut machen. Was es braucht ist persönliches Engagement einzelner Menschen. Das läßt sich nicht verordnen, es entsteht aus sozialen Zusammenhängen. Der ländliche Raum ist nicht nur seit gestern ein Sehnsuchtsort kreativer Menschen und das Glasfaserkabel wird manchen öden Landstrich verändern.

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WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Dankeschön. Die Landpartie ist etabliert und ein Erfolg. Wie würden Sie es einschätzen? War es „nur“ die Idee der Landpartie, die zu diesem Imagewechsel des Wendlandes beigetragen hat?

Einen Imagewechsel? - Es gab einen politischen Wechsel, denn 1976 hatte die CDU eine satte ¾ Mehrheit und die NPD war auch recht stark. Das ist heute ganz anders geworden.

Das Naturparadies ist geblieben, der Blick darauf wurde geschärft. Das Engagement vieler Menschen im Wendland für eine bessere Welt, wirkt anziehend. Randgruppen außerhalb des Mainstreams wecken vielfach Sehnsüchte nach persönlicher Veränderung der eigenen Lebensumstände.

So sind mit den Demonstrationen viele junge Menschen ins Wendland gezogen und haben hier tatkräftig mitgemischt. Gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten, gemeinsam demonstrieren. – das ist gelungene Integration.

Die Wunde.r.punkte Wendland waren ein politisches Statement und haben sich mit dem Wandel zum Kulturevent Kulturelle Landpartie zur Bühne individueller alternativer Lebenskonzepte gewandelt. Viele Akteure der Landpartie verstehen sich als kreativer Arm der Bürgerinitiative. Eher nebenbei wurde die KLP auch zum besten Immobilienverkäufer, denn das Wendland ist Sehnsuchtsland.  

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Die Wendland-Bewegung – so möchte ich sie einmal nennen, hat ja komplett losgelöst von strukturellen Aktivitäten, von kommunal oder regional angestoßenen Kampagnen stattgefunden und findet statt. Was hätten Sie sich von offizieller Stelle (dem Landkreis?) als Unterstützung gewünscht und wie können heute Regionen (Landkreise/kleine Städte und Dörfer) solche kreativen Macher, wie Sie, anziehen, um ähnliche, sich selbst tragende Strukturen aufbauen zu können?

Wir hätten uns auch einen Landrat Schuierer aus Wackerdorf gewünscht, der ganz unmissverständlich sich gegen die Okkupation durch die  Atommaffia in seinem Amt gewehrt hat. Wir haben erlebt, wie durch die Zahlung der Gorlebengelder die politische Moral der Mandatsträger untergraben werden sollte. In den ersten 10 Jahren der Wunde.r.punkte und der Kulturellen Landpartie war der dienstliche Kontakt zur KLP untersagt. Es gab nicht nur die Bedrohung von außen, die Kollaborateure saßen an der Spitze der Verwaltung, aber nur an der Spitze. Die außerdienstliche Kommunikation zur Verwaltung hat gut funktioniert.

Was brauchen andere Regionen um kreative Macher zu gewinnen?

Seit 1977 hat sich die Welt stark verändert. Das Internet wurde 1995 freigeschaltet. Wir leben in einer Revolution und viel Menschen haben das noch gar nicht gemerkt. Das Glasfasernetz wird die ländlichen Regionen verändern, ihnen eine Entwicklungschance geben, denn durch die Veränderungen in der Arbeitswelt, der Möglichkeit von Home Office und Co-Working streben junge Leute aufs Land, nicht nur ins Umland von Berlin.

Was die ländlichen Räume brauchen sind attraktive und günstige Mietwohnungen, die im dörflichen Bestand ausgebaut werden müssten. Mietwohnungen mit Garten, der Möglichkeit zur Selbstversorgung und zur Tierhaltung, Platz für die Kinder und einem Elektrobike im Schuppen. Genau diese Mietwohnungen, die gesucht und dringend gebraucht werden, gibt es nicht auf dem Lande. Im Wendland gibt es Ruinen zu kaufen. Aber junge Kreative, die von allen so gehyped werden, die jungen Selbständigen mit ihren Start Ups, ihrer Innovation und Tatkraft, bekommen die Kredite, um eine Ruine zu kaufen und aufzumotzen? Da ist Basel 4 davor, sagt der Banker. „Kommen Sie wieder, wenn die erste Million mit dem Start Up verdient wurde“.

Meine Botschaft zur nachhaltigen Regionalentwicklung ist die Gründung gemeinwohlorientierter Baugenossenschaften als Körperschaft öffentlichen Rechts. Über diese Schiene könnten die zur Verfügung stehenden öffentlichen Förderungen in den Erhalt der Baukultur auf dem Lande gelenkt werden. So würden Mietwohnungen in gut sanierten Altbauten in bester Dorflage zu günstigen Sozialpreisen entstehen. Endlich würden Förderungen das erreichen, was sie bisher nicht vermochten, den demographischen Wandel und die Abwanderung und Verödung des ländlichen Raumes zu stoppen.

Wäre ich Stadtmarketingmanager, würde ich Leerstände in guter dörflicher Lage erwerben und über eine Baugenossenschaft und öffentliche Förderung zu günstigen Mietwohnungen ausbauen. Vermietet würde an junge Familien der Kreativwirtschaft, die ihren Job in der Stadt haben und Home Office auf dem Lande machen. Ich wundere mich immer darüber, dass da noch niemand drauf gekommen ist. Gibt es günstige und gute Mietwohnungen, kommen die jungen Menschen von allein und nicht nur die Jungen.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Heute ziehen wieder viele Menschen auf das Land. Manchmal leben sie „neben“ den dort Geborenen her. Aus Ihrer Erfahrung: Wie gelingt die Integration von „Zugezogenen“? Was können beide Seiten für ein schnelles und gut durchmischtes Miteinander tun?

Wir alle kennen die Herausforderungen der Schlafstädte und der Grünen Witwen in den Speckgürteln der Großstädte. Das Wendland liegt nicht im Speckgürtel Hamburgs, das Wendland ist richtiges Land und wer glaubt, er könnte hier alleine leben, hat ein Problem. Die Frage der Integration Zugezogener stellt sich im Wendland nicht. Hier herrscht große Offenheit und eine gelebte Willkommenskultur. Von Projekten in Brandenburg weiß ich, dass  

Kulturarbeit der Zugezogenen oft ein Schlüssel der Integration ist. Der sicherste Weg ist bestimmt, gemeinsam zu arbeiten, denn bei der Arbeit lernt man Menschen am besten kennen.  

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WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Lieber Herr Seelig, vielen Dank. Nehmen Sie uns kurz einen Moment mit in die beruhigende Weite des Wendlandes: Woran arbeiten Sie gerade? Was passiert im Wendland? Und bitte, machen Sie uns Lust, das schöne Wendland bald möglichst zu besuchen. Wie kann man Sie erreichen?

Woran ich arbeite:

Zunächst ist da der Werkhof Kukate, ein großes Anwesen mit herrlichem Baumbestand und vielen Metern Dachrinne. Ich trage die Last des schönen Besitzes und meine Frau organisiert die kreativ handwerklichen Kurse und die Ausbildung zur HandwerberIn.

Viel Zeit verwende ich für die Organisation der Grünen Werkstatt Wendland e.V. dessen Vorsitzender ich bin. Wir veranstalten Design Camps und Veranstaltungen mit Hochschulen und öffnen den jungen Leuten die Türen in die heimischen Firmen. Das klappt gut, einige sind ganz geblieben. Die Grüne Werkstatt betreibt ein Co working und Gründerzentrum in der alten Post in Lüchow. Hier finden auch Frühstücke und Abendveranstaltungen für Neu-Wendländer statt, die soziale Kontakte suchen und sich im Sozialwesen einbringen wollen.

Zur gemeinwohlorientierten Baugenossenschaft gibt es erste Gespräche mit einem Bürgermeister, denn für eine Körperschaft öffentliches Rechts müsste eine Gemeinde im Boot sein. Das ist ein dickes Brett, das zu bohren ist. Das macht am meisten Spaß.

Für den 3.5.2019 ist eine Veranstaltung mit dem Titel „Leben auf dem Lande“ in Vorbereitung, zu der wir mit mehreren Veranstaltern einladen und unterschiedliche Wohn- und Lebensformen des Wendlandes vorstellen werden. Junge Leute braucht das Land.

Zur Landpartie öffnen wir unseren Hof für 12 Tage und zeigen das, was wir hier täglich treiben und dazu mehrere Ausstellungen. Die hier tätigen Kursleiter stellen zum Thema „Restlos“ aus. Die Grüne Werkstatt zeigt studentische Arbeiten vergangener Projekte. In der Hofgalerie präsentieren die Kursleiter Produkte ihrer eigenen Arbeit.

Das Tiny Living Festival soll am letzten Wochenende im August auf dem Hof Nr. 7 in Prießeck stattfinden. Wir hoffen, dass wir einen guten Querschnitt von Tiny Houses und interessante Workshopangebote zu einem reduzierten Lebensstil präsentieren können.

Was passiert im Wendland

Augenblicklich rasten Zugvögel an der Elbe, ein faszinierende Naturschauspiel.

Die konventionellen Bauern spritzen mit Glyphosat das erste Grün tot. Das Leben auf dem Lande ist oft nur stille Wut.

Alles andere geht seinen beschaulichen Gang. Es ist beruhigend, dass nichts passiert.    

Lust auf Besuch?

„An Pfingsten sind die Geschenke am geringsten!“

Der Besuch der Kulturellen Landpartie ist ein Muß. Aber kommen Sie während der Woche, da haben Sie die Welt für sich. An den Wochenenden wird es oft eng, denn es besuchen uns mehr Menschen, als im Landkreis wohnen.

Die geplanten Veranstaltungen an denen ich mitarbeite richten sich an Sie als Besucher des Wendlandes.

Herzlich willkommen: Wenn Land – Wendland!  

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