Professor Dr. Markus Tauschek, forscht am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er sagt: „Bräuche und Traditionen gehören zur lokalen Kultur in Städten und Ortschaften und prägen die Identität.“ Diese Bräuche, modern interpretiert, können eine gewaltige Marketingmaschine sein, die die Identität von Städten auch über die kommunalen Grenzen hinaus bestimmt. Als Beispiel nennt er das Oktoberfest in München, das tatsächlich weltweit nicht nur das Bild Münchens oder Bayerns sondern sogar Deutschlands in den Köpfen der Menschen verankert hat. Wir freuen uns, mit Herrn Professor Dr. Tauschek den führenden Experten auf diesem Gebiet bei uns im Wieduwilt Kommunikation-Interview zu haben und bedanken uns dafür.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Herr Prof. Dr. Tauschek, Bräuche sind oft Jahrhunderte alt und gehören zum Jahreslauf einer jeden Stadt. Sie vertreten die These, dass diese – positiv genutzt – durchaus ein großartiges Thema für langfristig gedachte Marketingaktionen sein können und nennen das Münchner Oktoberfest und den Kölner Karneval als Beispiele. Gibt es auch Beispiele für solche Tendenzen in ländlichen Regionen, auf die Sie sich beziehen können?

Prof. Dr. Markus Tauschek: Mir fallen da mehrere Bräuche ein, zum Beispiel das Biikebrennen auf den Nordfriesischen Inseln. Dabei werden Biikefeuer angezündet, Kinder spielen mit rußigem Gesicht diverse Streiche und das Fest wird am Vorabend des Petritages in der Dämmerung überall in Nordfriesland gefeiert. Heute dient es vor allem dazu, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen vor Ort zu stärken. Das Biikebrennen hat eine lange Geschichte und wurde wurde immer wieder an die gegenwärtigen Bedürfnisse angepasst. Heute gehört das Biikebrennen gehört offiziell zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland. Hier ist ein guter Bericht dazu: https://www.ndr.de/ratgeber/reise/nordseekueste_sh/Biikebrennen-2019-an-der-Nordseekueste,biikebrennen4.html

Weiter kann ich den Blutritt in Weingarten in Oberschwaben nennen. Das ist Europas größte Reiterprozession und sowohl tief in der Bevölkerung verankert wie auch Anziehungspunkt für viele Schaulustige. In Weingarten reiten nur Männer - in anderen Orten wie in Bad Wurzach, wo es ebenfalls einen Bluttritt gibt, sind auch Frauen dabei. In der Prozession wird ein Blutstropfen Christi durch die Umgebung Weingartens getragen.

https://www.deutschlandfunk.de/blutritt-in-weingarten-unterwegs-mit-dem-blutstropfen.1242.de.html?dram:article_id=417835

Als Beispiel kann ich auch auf die Spergauer Lichtmess verweisen. Der Brauch erinnert stark an Karneval. Verschiedene Lichtmessfiguren gehen durch den Ort und sammeln auf “Heischegang” Eier, Milch und Bratwürste ein. Am Abend gibt es den Lichtmesstanz. Ein Fest, das der ganze Ort feiert, für das eigens ein Verein gegründet und viele Gäste eingeladen werden.

https://www.spergauer-lichtmess.de/

http://www.spergau.de/tradition.html

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: In den meisten kleinen Städten, Dörfern und Regionen gibt es lokale Dorffeste. Da singen Kindergarten- und Seniorenchor, da gibt es Schausteller, Musik, Getränke und Verpflegung. Wie können die kleineren Städte und Gemeinden, die nicht über die Finanzkraft von München oder Köln verfügen, eben beispielsweise solche Dorffeste nutzen, um in die Zukunft zu denken? Muss es eine ganz besondere Geschichte geben? Eine besondere Aktion? Oder reicht das traditionelle Dorffest mit Blasmusik und Rentnercafé, Trödelmarkt und Tanzabend aus?

Professor Dr. Markus Tauschek: Sie haben an den Beispielen aus der ersten Frage gesehen, dass es beides gibt. Sowohl die sehr speziellen, ungewöhnlichen Ereignisse, die auch über das Dorf hinaus bemerkenswert sind. Nach meinen Erkenntnissen sind das Wichtigste die Menschen vor Ort, die von einem Thema begeistert sind. Sie tragen auch das Image des Ortes nach außen. Die soziale Nähe ist hier das Entscheidende. Man trifft sich, tauscht sich miteinander aus und dadurch entsteht jene Vorstellung von Authentizität, die irgendwann auch touristisch und zur Imagebildung und Vermarktung der Kleinstadt oder des Dorfes genutzt werden kann. Meines Erachtens gibt es hier zwei Dinge zu unterscheiden:

  1. Ereignisse mit “historischer Patina”, wie z.B. in den erstgenannten Beispielen. Hier ist gerade die überwältigende Historie neben der Authentizität ein besonderes Argument, um den Nebeneffekt Marketing mit zu nehmen.
  2. Kreative, innovative Elemente, die die klassischen ländlichen Veranstaltungen bereichern. Das können auch Ereignisse um moderne landwirtschaftliche Produkte sein. Hier gibt es einige Formate und da tut sich auch was in der klassischen Dorf- und Stadtfestlandschaft.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Nach unserer Erfahrung geht das Marketing von Gemeinden in ländlichen Gebieten oftmals in zwei Richtungen: Zum einen sollen die eigenen Bürger dazu bewegt werden, mitzugestalten und teilzuhaben und zu bleiben. Und zum anderen sollen aber ggf. auch potenzielle neue Einwohner, Rückkehrer und sogar Investoren in die Gemeinde gezogen werden. Inwieweit können dabei Bräuche und Traditionen Zugpferd einer Kampagne sein? Oder ist das zu weit gesprungen?

Professor Dr. Markus Tauschek: Wichtig bleibt: Das Miteinander muss funktionieren. Als Beispiel nenne ich hier mal die Deutsche Märchenstraße. Da haben sich Menschen zusammengefunden, die von Märchen begeistert sind und auf eigene Faust lokale Initiativen gegründet und mit Leben erfüllt. Nehmen Sie zum Beispiel die Rattenfängerstadt Hameln. Das dort aus einer lokalen Initiative entstandene Rattenfänger-Freilichtspiel, bei dem das Märchen von rund 70 Darstellern nachgespielt wird, sorgt nicht nur für Identität nach Innen sondern auch für zahlreiche Gäste, die dadurch überhaupt erst nach Hameln gelockt werden. https://www.deutsche-maerchenstrasse.com/de/reisen/reiseziele/mitgliedsorte/view/hameln

Auch neue Traditionen entstehen, die einen Ort überregional bekannt machen, ich nenne hier zum Beispiel das Wacken Open Air, das ja inzwischen für ganze Generationen zum Pflichttermin geworden ist. https://www.wacken.com/ Wacken selbst ist ja ein sehr kleines Dorf in Schleswig-Holstein.

WIEDUWILT KOMMUNIKATION: Lieber Herr Prof. Dr. Tauschek, vielen Dank für Ihre Antworten und Ihre Zeit. Nehmen Sie uns doch bitte noch kurz mit in das Institut: Woran arbeiten Sie gerade und wie kann man Sie kontaktieren?

Professor Dr. Markus Tauschek: Ich forsche gerade auch über die drei Deutschen Gothic Festivals in Leipzig, Hildesheim und Köln. Ebenfalls beschäftige ich mich mit dem Thema Muße, das speziell für die jüngere Generation immer wichtiger wird. Sie erreichen mich über das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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