Neulich habe ich an einer tollen Stadtführung in Ludwigsburg im schönen Südwesten Deutschlands teilgenommen. Es ging durch das Schloss über den Markt und einmal rundherum. Es war ein Traum. Diese Führerin, natürlich verkleidet in ein historisches Kostüm, der war nicht nur die Rolle der Reichsgräfin Wilhelmine von Grävenitz auf den Leib geschneidert zu sein schien sondern auch die perfekte Mischung aus Eigenschaften, die ein guter Gästeführer braucht. 

Die Mischung machts

Es muss eine gehörige Portion Erfolgsorientierung da sein. Jemand, der Stadtführungen mit den unterschiedlichsten Typen von Touristen macht, muss wissen wo es langgeht - im Doppelten Sinne und das auch nachdrücklich deutlich machen. Menschen meines Alters sind sicher brave, folgsame Gäste. Aber dennoch bleibe ich zum Beispiel gerne mal hinter der Gruppe zurück, um eine schöne Blume, ein Detail an einer Hauswand oder auch nur die letzte Spinne des Spätsommers zu bewundern. 

Da braucht es schon jemanden, der sich nicht zu schade ist, die Gruppe ordentlich als Treiber zusammen zu halten und auf die Zeit, den Weg und das richtige Ziel zu achten. Das muss also jemand sein, der “Alle mir nach” als wichtigste Aufgabe annimmt. Klare Führungspersönlichkeit also? Nicht ganz. 

Denn ein Gästeführer muss gleichzeitig das Wohl der anderen im Blick haben. Wenn er, wie Herr Kittel aus dem Einzelhandel, wie von der Tarantel gestochen vorne weg läuft, so wie es mir im vergangenen Jahr in Thailand bei der Dschungeltour passiert ist, verzweifeln die Teilnehmer. In Thailand hatten wir eine 100 % Führungspersönlichkeit, ein zielorientierter Mensch, der wusste, wo es lang geht. Allerdings hatte er so viel Führung, dass er weder auf Alter noch auf Konstitution geschweige denn Bedürfnisse der Teilnehmer Rücksicht nahm. Er rannte vorneweg, quer durch reißende Flüsse, über Stock und Stein, Wurzeln und rutschigen Untergrund. Und wir (Gäste), wir mussten mit. 

Denn im Dschungel hast du einfach als Europäer keine andere Wahl. Du kennst dich ja nicht aus. Dieser Mensch, nennen wir ihn mal Herrn Renner, der war einfach nur auf seine Führungsrolle aus. Die ist ja auch notwendig, wie wir wissen. Weder in Ludwigsburg noch im thailändischen Dschungel ist es eine demokratische Entscheidung, wo nun die Führung langgehen soll. Der eine Gast möchte Schaufenster gucken, der andere durch alle historischen Gebäude der Stadt. Oder im Dschungel: Einer möchte sportlich ordentlich über Stock und Stein rennen und der andere möchte sich eher langsam mit Flora und Fauna um ihn herum beschäftigen. 

Den Hebel umlegen

Das ist nicht die Frage. Aber hier beim Berufsbild des Gästeführers bietet sich wohl an, beide Seiten zu kennen und möglichst je nach Erfordernis vom Dienstleister in die Rolle des Führenden und wieder zurück switchen zu können. 

So zum Beispiel in Ludwigsburg. Wenn die ältere Dame recht unsicheren Schrittes ist, dann hakt unsere Reichsgräfin sie kurzerhand ein. So stellt sie sicher, dass sich die Dame gut fühlt, nicht hinfällt und sie das richtige Tempo wählt. Wenn jemand immer wieder zurückbleibt, so wie ich, dann wird eine kleine Rolle gespielt, nämlich mit dem Kerker gedroht wegen “Fernbleibens von der Truppe” - und schon hat die Reichsgräfin die Lacher auf ihrer Seite und der Zurückbleiber beeilt sich, wie der zur Gruppe Anschlusss zu finden.

Denk mal darüber nach. Kannst du “switchen”? Bist du mal Dienstleister und mal Führungsperson? Oder fällt es dir schwer, das eine oder andere zu sein? Würdest du im Traum nicht drauf kommen, mal nachzufragen, ob dir das neunjährige Kind durch die reißenden Flüsse des Dschungels folgen kann, weil du darauf bedacht bist, die Gäste schnellstmöglich zum Ziel zu bringen? Oder fällt es dir möglicherweise schwer, klar zu sagen, wo es lang geht. Du hörst dich lieber noch einmal um, bevor du los gehst? Wunderbar. Alle Eigenschaften von uns Menschen sind wunderbar, wenn sie sich dort entfalten können, wo sie den besten Nutzen bringen.

Auf der Suche nach dem besten Reiseleiter

Ja, du weißt ja, dass ich immer wieder sage, dass du deine Werbung für dein Unternehmen als Arbeitgeber nach den Motivatoren ausrichten sollst, die die zu besetzende Stelle erfordert. Wenn du also Stadtführer suchst, Gästeführer oder auch Dschungelführer oder Reiseleiter, dann sollten diese Reiseleiter beides haben: Führungsanspruch und Dienstleisterdenken. Sie sollten ambivalent sein und von einer in die andere Rolle leicht switchen können. 

Wie du das feststellst? Mach doch ein Vorstellungsgespräch mit vier oder fünf Bewerbern, die du gerne für den Job haben möchtest. Und dann lass doch eine kleine Führung organisieren, durch dein Büro oder drum herum. Gib nichts vor: Nicht, wer führt, nicht, wer den Teilnehmer spielt - und dann schau mal was passiert. Wer übernimmt sofort die Entscheidung, wer prescht voran und geht an die Spitze? Wer hingegen hört aufmerksam zu, überlegt und gibt dann Ratschläge? Wer kümmert sich “hinten” darum, dass alle mitkommen? Derjenige, der Entscheidungen trifft, sich einbringt - aber eben auch Dienstleister ist und sich um das Wohl der anderen sorgt, der ist dein Mann/deine Frau. 

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Ausprobieren und noch eine schöne Woche. Wenn du dazu mal einen Workshop mit mir buchen möchtest, melde dich gerne per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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