Was ist eigentlich wirklich wesentlich?

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Gestern habe ich beim Pilgern darüber nachgedacht, wie unterschiedlich all die Pilger den Weg wahrnehmen und die Frage mit mir rumgetragen, was eigentlich wirklich wesentlich ist.
Die eine Pilgerin – aus Frankreich, sieht es eher als sportliche Herausforderung. Sie überholte mich und nach dem obligatorischen “Buen Camino” kamen wir kurz ins Gespräch. Ihr ging es vor allem darum, am Tag möglichst schnell das nächste Etappenziel zu erreichen. Dabei schnaufte ich schon mächtig, denn ich musste mich gewaltig anstrengen, um redend mit ihr Schritt halten zu können. Puh. Sie hatte aber auch ein Tempo drauf. Nach einer kurzen Weile verabschiedeten wir uns – und sie eilte drahtig davon.

Irgendwann – im nächsten Dorf, traf ich dann zwei meiner Pilger-Nacht-Kolleginnen wieder, zwei Damen in meinem Alter, lebensfrohe Spanierinnen, die den Weg gemeinsam gehen. Beide redselig, sehr sehr elegant und herzlich durch und durch. Und doch auch unterschiedlich. Für die eine ist der Weg sportlich gesehen, eine Herausforderung und mental eine gute Gelegenheit, endlich wieder mal rauszukommen aus der großen Stadt, in der sie lebt und arbeitet. Die andere möchte Menschen treffen, vor allem die Menschen sind es für sie, die den Weg ausmachen. Sie hat sehr unter dem Lockdown gelitten und jetzt bei ihrem Arbeitgeber durchgesetzt, wenigstens 2 Tage pro Woche ins Büro zu dürfen. All das zwischenmenschliche, so sagt sie, fehle ihr so sehr. Nun, in den Pilgerunterkünften, mit 10-30 oder 40 Pilgern in einem der so genannten “Schnarchsäle” ist das leicht, Menschen zu treffen. 

Wer wie ich eher zurückgezogen ist, mag die Einsamkeit des Weges schon mal ganz gerne. Ich bleibe andauernd stehen, bestaune die Natur, die aufgehende Sonne, die ebenmäßigen Blüten der Heckenrose, die Vielfalt der Feldrandgräser und der Pflanzen am Weg. Habe sogar einen Maulwurf getroffen, der leise über die Straße eilte. Buddelflink.

Dann hab ich wieder meine Gedankenschleifen so nach dem Motto. Oh, linkes Knie schmerzt. Hüfte auch ein bisschen. Pause? Äh, lieber was anderes denken. Wie schön der Liguster blüht. Was für ein Himmel. 

Wenn du so willst, verarsche ich mich permanent selber, indem ich mich zwinge was anderes zu denken als an die Anstrengung. 

Was ich  ein wenig unterschätzt habe, wie anders die Lauf-Geometrie -oder Statik ist, wenn da noch so 10 kg auf dem Rücken sind. Es sind ca. 1-2 kg mehr als letztes Mal – das ist irgendwie komisch gelaufen beim Packen. Nun, egal, das meiste ist Technik –  und die brauch ich nun mal. Ich werde mich von ein paar (Anzieh)Sachen trennen – und das ist dann fein. 

Ja, dann traf ich Pedro. Er geht seit 2004 jedes Jahr den Jakobsweg. Jedes Jahr. Außer 2020. Er kennt alle Ecken und ist der Inbegriff des entspannten Wanderers. Pedro ist gut und gerne 20 Jahre älter als ich – eher mehr und läuft mir mit seinem ziemlich großen Rucksack davon. Ihm sind die Batterien für sein Hörgerät ausgegangen und so verbringt er den heutigen Tag in Stille, bis er in León neue Batterien beschaffen kann. Es ist ihm unangenehm, aber er sagt: “Wer weiß, wofür es gut ist”, und ich liebe diese Einstellung. 

Ich hab nämlich gestern festgestellt, dass ich den Adapter, der mir erlaubt, die Speicherkarte meines Podcast Gerätes auszulesen und zu bearbeiten – vergessen, verloren oder was auch immer habe. Sie ist jedenfalls nicht hier. Kurze Panik. “Was, wenn ich jetzt keinen Podcast machen kann.” Kurze Zeit später: Ja, dann soll es nicht sein. Vertrau auf Gott und den Weg und nimm an, was du bekommst. Das ist für mich Jakobsweg. Pilgern. Ich habe eine (zweitoptimale) Lösung gefunden und wieder ist es da: Brauchst dir keine Sorgen zu MACHEN. Es klärt sich alles, was soll. Alles andere ist eben (noch) nicht dran. 

Irgendwie ist Pilgern für mich auch immer, in den Spiegel zu sehen. Mit jedem meiner bisherigen Mitpilger konnte ich mich an einer Stelle identifizieren, an anderen nicht. Mit mir selber konnte ich zufrieden sein oder unzufrieden. “Warum hast du denn so viel eingepackt, aber das Wichtigste vergessen (Duschgel, Waschmittel, Adapter)?” “Warum bist du so schneckenlangsam am Start?” Werde ich vernünftiges WLan finden für meine Kundengespräche? Sollte ich mehr Selfies machen oder lieber weniger? Ach Ja, und das Knie… Schnack-Schnack-papperlapapp. Dieses Monkey Mind. Ich glaube, das ist ein Teil des Weges, mal wieder klar zu machen, wer hier eigentlich Chef im Hause ist. Ich denke das was ICH denke – und nicht, was “Es” mich denken lässt. Habe dann eher gedacht: Es ist alles gut so, wie es ist und alles wird sich finden. Genau so ist das – immer, nicht nur auf dem Jakobsweg. 

Und dann hatte ich eine feine Pension gefunden, war duschen und habe eine Zecke gefunden. An mir dran. Oder besser halb in mir drin. Huh…. Was macht Frau heute? Google fragen. Und meine liebe Schwester. Kurzer Chat – und raus war das Tierlein. Habe es in eine Plastiktüte verpackt und im Mülleimer außerhalb der Pension entsorgt. Wiedermal Glückgehabt. In den Gemeinschaftsduschen einer klassischen Herberge wäre mir das vielleicht gar nicht aufgefallen – und ich hätte nicht in aller Seelenruhe die “Operation” vornehmen können. Danke, Camino. Es ist immer alles da, was man braucht. 

Was ist für dich diese Woche wesentlich? Schreib mir. 

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